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Paul-Goldschmidt-Preis 2013

Foto vom Paul-Goldschmidt-Preis 2013Nach einem langen Tag auf meinem ersten ISAAC-Kongress sitze ich auf der Festveranstaltung und genieße den Ausklang eines informativen Tages im Gespräch mit interessanten Leuten.

Die Nominierung für die Ernennung des Paul-Goldschmid-Preises läuft, und plötzlich denke ich, ich höre nicht recht: "Nominiert ist David Burger."

David Burger, mit dem ich mich heute mittag noch unterhalten habe. Ich habe mich gefreut, dass er mich nach all den Jahren noch gekannt hat, wo ich doch in seinen ersten Jahren an der Esther-Weber-Schule für Körperbehinderte in Emmendingen-Wasser mit ihm gearbeitet habe.
David, der damals mit 11 oder 12 Jahren nach einem Herzstillstand zu uns kam, und sich als ehemaliger Gymnasiast in einer 5. Klasse der Grundschule wiederfand.
David, für den auf einmal alles mühsam war, was vorher selbstverständlich war.
David, der seinen Speichel nicht mehr kontrollieren konnte, ihn aber ärgerlich und akribisch wegwischte, wenn er vor ihm auf dem Tisch oder Boden landete.
David, der nur leise flüstern und piepsend einige Worte artikulieren konnte, aber immer gerne lachte und albern war.

Die Ärzte waren etwas ratlos, denn solche Folgen einer Hirnschädigung hatten sie auch noch nie gesehen. David konnte eigentlich das meiste noch irgendwie bewerkstelligen, mit seinen steifen Muskeln, wenn er nur ausreichend Zeit hatte und nicht zu zielgenau sein mußte.
Foto des Preisträgers David BurgerEs war schwer sich damit abzufinden, auf ständige Hilfe angewiesen zu sein und so viele Hilfsmittel zu benötigen.
Den E-Rolli, welchen ich damals als Ergotherapeutin mit auf den Weg brachte, konnte er noch gut akzeptieren, weil er damit einfach viel schneller war, als im Aktivrolli.
Aber das mit dem Talker...
Ein PowerTalker sollte es werden, zu dieser Zeit ein High-End-Produkt oberster Klasse.
Aber dieses Minspeak-System – wie viele Lehrer erklärten mich damals für verrückt: "Das kann sich doch kein Mensch merken", "Was für Verknüpfungen sollen denn das sein?", "Also ich würde das ja ganz anders machen", und natürlich auch: "Braucht er das denn wirklich?"
Nun ja, die Versorgung wurde angeleiert, von mir und der Sprachtherapeutin.
Eine meiner ersten Versorgungen überhaupt, gegen die immer gleichen Vorbehalte im Kollegium.
Dann verließ ich die Schule für 2 1/2 Jahre.
Als ich zurückkam, suchte ich David auf, er war mittlerweile im BVJ, um ihn zu fragen, ob er an meiner E-Rolli-Gruppe teilnehmen möchte. Erfreut sah ich den PowerTalker an der Rollihalterung, und er war gut genug für eine klare Aussage: "Kein Bock".
Wahrscheinlich hat sich selten jemand so über eine Absage an seine Gruppe gefreut wie ich. Das Ding war tatsächlich im Einsatz!

Später verließ David die Schule und ging für eine Berufsausbildung ans KBZO nach Weingarten.
Ich übernahm die Aufgabe, mit den WfbM´s in unserem Einzugsgebiet im Bereich UK enger zusammenzuarbeiten, den Übergang für UK-Schüler effektiver zu gestalten und sollte später auch herausfinden, wie "nachhaltig" unsere Talker-Versorgungen eigentlich sind, ob die Geräte auch nach der Schule überhaupt noch zum Einsatz kommen.

Also dachte ich wieder an David und beschloss, mal bei seinen Eltern anzurufen, die noch in der Nähe wohnten.
Das machte ich natürlich nicht, sondern schob es mit etwas schlechtem Gewissen vor mir her, bis ich vor knapp einem Jahr in der UK-Zeitschrift las, dass David jetzt im ISAAC-Projektbüro arbeitet.
Ich war baff und freute mich riesig. Ich zeigte den Artikel den Kollegen und bekam Aussagen zu hören wie: "Ach, benutzt er das Ding jetzt doch".
Also beschloss ich, David direkt eine Mail ans Projektbüro zu schicken, aber mit der geistigen Formulierung dieser Mail ("Hallo David, weißt du noch wer ich bin..." - Oh mein Gott, wie soll ich das bloß schreiben?!) war ich ewig beschäftigt. Auch diese Mail schrieb ich nicht, ich verlegte mich darauf, dass David beim ISAAC-Kongress auftauchen würde, beim Stand des Projektbüros, und nahm mir vor, ihn dort zu besuchen. Das klappte, und ich habe mich sehr gefreut, ihn zu sehen und  festzustellen, dass er seinen Talker mittlerweile wirklich als wichtige Hilfe betrachtet, und nicht mehr als unangenehmen Fremdkörper.

Foto von der Verleihung des Paul-Goldschmidt-Preises 2013Als ich abends bei der Preisverleihung sitze, wird alles ein bißchen viel. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass die letzten 2 Tage lang und anstrengend waren, und ich einen dicken Schnupfen habe, aber als David als Preisträger aufgerufen wird, kommen mir die Tränen.

Lange Jahre hatte die UK bei uns in der Schule einen schweren Stand, und der Zweifel am Sinn von Talkern und sogar deren Ablehnung war unter Kollegen, Schülern und Eltern groß. Immer war mühsame Überzeugungsarbeit zu leisten, und die "Nachhaltigkeit" der Maßnahmen wurde offen in Frage gestellt.

Und dann steht da mein ehemaliger Schüler auf der Bühne, dem ich zu seinem ersten Talker verholfen habe, und das Gefühl, dass "sogar wir" gute und nachhaltige Arbeit leisten können, ist überwältigend.

Einmal mehr bekomme ich an diesem Abend vor Augen geführt, wie wichtig es in der UK ist, sich einfach mal auf den Weg zu machen, ohne nach dem möglichen Ziel zu fragen, sondern sich davon überraschen zu lassen, was passieren wird, was möglich sein kann. Nicht jeder Fall wird zu Erfolgsgeschichte, im Gegenteil. Und das muss sie auch nicht, das dürfen wir weder vom Schüler noch von uns erwarten, und auch nicht von uns erwarten lassen. Aber woher sollen wir schon wissen, wo der Weg hingeht, wenn wir uns nicht aufmachen?

"Die Straße gleitet fort und fort,
weg von der Tür, wo sie begann,
[...]
Mit Weg und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Ich weiß es nicht."
(J.R.R.Tolkien)

Susann Buchhorn