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Der Geruch des Sich-Verstehens

Ein Bericht vom Jahrestreffen für unterstützt kommunizierende Menschen (und Hunde) 2012

Darf ich mich zunächst einmal vorstellen? Gestatten, Esco Cruciger mein Name. Ich bin sehr stolz darauf, der exklusiven Rasse der Spanischen Wasserhunde anzugehören, und auch darauf, ein Mitglied der Familie Cruciger zu sein. Auch wenn ich schon zu den etwas älteren Modellen gehöre, tobe ich gern und ausgelassen herum, unternehme lange Spaziergänge und hin und wieder verreise ich sogar.

Foto von EscoescoNeulich war es mal wieder so weit. Ich roch, dass eine Reise unmittelbar bevorstand. Dazu muss gesagt werden, dass dies mit meinem spanischen Blut zusammenhängt. Denn nur Spanische Wasserhunde wittern eine anstehende Reise mit Leichtigkeit, und speziell meine Wenigkeit merkt den baldigen Aufbruch sogar bei ständig wechselnder Windrichtung. Schon Tage zuvor konnte ich die freudige Erwartung spüren, die meine ganze Familie ausstrahlte. Besonders Karen vermittelte mir, dass sich etwas Großes ereignen würde. Aber was genau wusste ich natürlich nicht. Wohin würde es dieses Mal gehen? Leider konnte ich ja meine Menschen nicht fragen, denn sie verstanden mich nicht. Immer wenn ich sie mit fragenden Augen ansah, brachten sie mir entweder mit strahlendem Lächeln meine Leine: „Ach, du möchtest sicher Gassi gehen!" Oder sie wedelten mir mit meinem Spielzeug vor der Nase herum: "Na, wollen wir toben?". Nein, dachte ich, ich will doch nur wissen, wohin wir verreisen. Aber es war zwecklos, und es blieb mir nichts anderes übrig, als mich überraschen zu lassen.

Und auch jetzt hatte meine Spürnase mich nicht im Stich gelassen. Am Freitag, den 25. Mai 2012, rief mich mein Herrchen: " Esco, hopp, ab ins Auto!" Dann fuhr ich mit meinem gesamten Menschenrudel in Richtung Süden. Gegen Nachmittag wusste ich zumindest, wohin uns die Reise führte. Mein Herrchen parkte den Wagen gleich gegenüber des Viktor's Residenz Hotels in Gummersbach. Da mir beim Autofahren immer etwas mulmig wurde, freute ich mich über ein bisschen frische Luft. Schon beim Aussteigen war mir klar, Gummersbach gehörte zu den kleineren Städtchen. Die Luft roch ländlich, viele Vögel grüßten mich, und aus dem Augenwinkel sah ich gerade noch eine Katze, die sich ganz schnell davon trollte. Hier gefällt's mir, beschloss ich und wedelte zur Bekräftigung mit dem Schwanz.

Zwei Stunden später, nach unzähligen „Ach, was bist du süß"-Attacken, kombinierte ich aus den aufgeschnappten Wortfetzen, was hier vor sich ging: Anscheinend war dies ein Treffen für und mit besonderen Menschen. Mir blieb es schleierhaft, denn diese Menschen rochen wie alle anderen Menschen auch. Nun ja, einige von diesen Menschen rollten auf vier Rädern durch die Gegend, was sie sympathisch machte, denn schließlich habe auch ich vier Pfoten. Was mir noch ziemlich zu Anfang auffiel, war dieser Geruch. Zunächst konnte ich ihn gar nicht richtig einordnen. Es roch... ungewöhnlich, nein außergewöhnlich, nicht zu beschreiben, aber durchaus angenehm. Ich schnupperte, aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich konnte keinen Namen für diese außergewöhnliche Duftnote ermitteln.

Nach dem Abendessen fand die große Begrüßungsrunde statt. Und wenn ich sage groß, meine ich das auch so. Geschätzte 100 Menschen versammelten sich in einem großen Saal, und natürlich ich. Ich erfuhr nun, dass diese Veranstaltung „Jahrestreffen für unterstützt kommunizierende Menschen" hieß und schon viele Male zuvor an Pfingsten statt gefunden hatte. Unterstützt kommunizierende Menschen? Das klang merkwürdig. Aber langsam dämmerte es mir: Schon oft hatte ich gemerkt, dass Karen in irgendeiner Art anders sprach, und dass diese Sprache scheinbar nicht von allen Menschen verstanden wurde. Ich schaute mich um und nun wurde mir bewusst, dass hier viele Menschen saßen, die gar nicht mit ihrem Mund redeten. Einige gaben ihre Mitteilungen per Hand, Kopf oder sogar Augen in ganz komische Geräte, die dann über eine blecherne Stimme hörbar wurden. Einige benutzten Tafeln, auf denen Symbole oder Buchstaben zu sehen waren. Und einige kommunizierten nur über Körperzeichen. Das war so spannend, dass ich kurzzeitig von der offiziellen Begrüßung völlig abgelenkt war und erst wieder aufpasste, als sich das Organisationsteam vorstellte: Stephanie Schuchmann, Wilma Simon, Mike Senhofer, Ralf Strotmann und Reinhard Jankuhn vom Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (bvkm). Ganz besonders wurde eine rüstige ältere Dame namens Bärbel Weid-Goldschmidt begrüßt, die dieses Jahrestreffen anscheinend vor vielen Jahren ins Leben gerufen hatte. Dann waren die unterstützt Kommunizierenden an der Reihe: einer nach dem anderen erzählte etwas über sich selbst. Ich setzte mich kerzengerade hin und spitzte die Ohren. Und obwohl es sehr lange dauerte, bis alle ihren Bericht beendet hatten, war es faszinierend zu beobachten, wie intensiv sie einander zu hörten. Dabei wird in der Tierwelt immer behauptet, Menschen können nicht gut zuhören.

Am nächsten Morgen wachte ich voller freudiger Erwartung auf. Da ich der erste Hund war, der jemals am Jahrestreffen teilgenommen hatte, kam mir das Privileg zu durch die einzelnen Workshops zu schnuppern. Es gab die beiden Feldenkrais-Workshops. Hier saßen oder lagen die Menschen herum und lernten sich anders zu bewegen, als sonst. Draußen auf der Terrasse hatte sich das Eltern- und Betreuer- Café gemütlich gemacht. Immer wenn ich an ihnen vorbeikam, waren sie so in ein Gespräch vertieft, dass sie mich gar nicht wahrnahmen. Die Teilnehmer des Foto-Workshops huschten ständig auf der Suche nach den besten Motiven durch das Gebäude. Ein beliebtes Motiv war übrigens meine Wenigkeit. Auch der Making-off-Workshop lief umher und sammelte lustige Geschichten, witzige Fotos und kleine Videos. Leider war der Workshop Farbfantasien in eine Schule ausgelagert, sodass ich ihnen nicht bei der Arbeit über die Finger gucken konnte. Aber am Abend rochen die Teilnehmer noch immer nach Farbe. Etwas hektisch ging es bei der Vorbereitung der Samstagabend-Show und beim Theater-Workshop zu. Diese beiden Gruppen wuselten geschäftig umher. Ich glaube, die Menschen nennen so ein Treiben kreatives Chaos.

So verflog der Tag wahnsinnig schnell und irgendwann hieß es dann: „Gleich fängt die Samstagabend-Show an!". Diese wurde erstmals von Manfred Bach (mit einer Sprechmaschine!!!) moderiert. Das Motto war "Mein Assi kann..." und so pokerten vier unterstützt kommunizierende Menschen um die Fähigkeiten ihres Assistenten. Ab und zu musste ich meine Ohren aufstellen, um mich zu vergewissern, dass ich die Gebote richtig verstanden hatte. Denn die Kandidaten trauten ihren Assistenten verdammt viel zu. Nach gut 2 1/2 Stunden sah ich in lauter begeisterte Gesichter. Nun strömten alle nach draußen. Nur einige junge Leute blieben, denn aus dem Saal wurde im Handumdrehen eine Disco. Für meine alten Ohren war die Musik, die von DJ Yallo und Daniel aufgelegt wurde, eindeutig viel zu laut, aber trotzdem beobachtete ich die Menschen in der Disco lange: sie tanzten ausgelassen, unterhielten sich angeregt und lachten. Ja, das waren glückliche Menschen. In der Zwischenzeit hatten sich draußen kleine Gruppen gebildet, die an Tischen saßen, ein Bier tranken und sich Geschichten erzählten. Ich legte mich zwischen die Füße meines Herrchens, schloss die Augen und grunzte wohlig. All diese Menschen strahlten eine Zufriedenheit aus, die jetzt auch auf mich übersprang.

Nach einem ausgiebigen Frühstück am nächsten Tag war es auch bald an der Zeit für das Theaterstück. Alle versammelten sich wieder in dem großen Saal, der nun zum Orient wurde. Für eine halbe Stunde ließ auch ich mich in die Wüste entführen. Selbstverständlich ließ ich mir anschließend auch die Abschlussrunde nicht entgehen. Und da war er wieder: der Geruch, wegen dem ich mir das ganze Wochenende den Kopf zerbrochen hatte. Was war das nur? Dies Mal war er noch intensiver als bei meiner Ankunft. Plötzlich fiel es mir ein. Warum war ich denn nicht schon viel früher darauf gekommen? Gerade in diesem Moment wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Wie alle, die das erste Mal beim Jahrestreffen teilnahmen, wurde nun auch ich ans Mikro gebeten. Wilma Simon fragte: „Na, Esco, wie hat es dir denn gefallen?" „Sehr gut," bellte ich "dieses Treffen hat einen einzigartigen Geruch, den Geruch des Sich-Verstehens!" Alle klatschten und ich glaube sogar einige dieser jetzt auch für mich besondere Menschen verstanden mich, denn es blitzte in ihren Augen.

Von Esco Cruciger (Übersetzung aus dem Dogischen von Kathrin Lemler)